Neubau einer Feldkapelle

Vor den Fichten 7, 65193 Wiesbaden Sonnenberg

Konzeption einer Feldkapelle in den Streuobstwiesen in Sonnenberg

Der genetische Code des Stadtgrundrisses der Stadt Wiesbaden

Wiesbaden ist in seiner städtebaulichen Anlage zu großen Teilen ein Geschöpf des 19. Jahrhunderts und wurde glücklicher Weise im zweiten Weltkrieg wenig zerstört. Einzigartig in dieser Größe und Lage ist die Kombination von einer Raumstadt und einer Gartenstadt.

Im Kern bildet sich eine Folge von Blockbebauungen mit gefassten Straßen, Alleen, Boulevards und Platzfolgen aus. Umgürtet ist diese Kern- oder Raumstadt mit einer Vielzahl von Villen im Grünen als Gartenstadt.

Topografie und Lage der Stadt

In Wiesbaden existieren zwei Typen von öffentlichem Raum

  1. In der Kernstadt Alleen, Boulevards und verschieden geometrisch ausgeformte Plätze, rechteckig, quadratisch oder gerundet - konzentrisch.
  2. Aus der Gartenstadt heraus entwickeln sich aus den Taunushängen fünf Täler mit Bachläufen, ausgebildet als Parks mit Teichen und Weihern, längsgerichtet - linear.

Mit dem Ergebnis:

Somit wird ermöglicht aus der Raum - Kernstadt über eine domestizierte Natur (Parks) in die freie Landschaft des angrenzenden Taunus zu gelangen. Es ergibt sich ein gleitender Übergang und eine Verzahnung aus dem Stadtraum in den Naturraum.

Die reizvollen Taunustäler reichen wie fünf Finger in das heutige Stadtgebiet hinein. In einem dieser Täler - dem Tennelbachtal - liegt der Ort an dem die Feldkapelle errichtet ist.

An einem Wegekreuz in den Sonnenberger Streuobstwiesen in Verlängerung dieses Tennelbachtals ist durch einen privaten Spender eine Feldkapelle errichtet werden.

Die Gegend wird "Vor den Fichten" genannt und ist eines der fünf Täler, die sich aus dem Taunus in den Wiesbadener Talkessel erstreckt.

Die Aufgabe bestand darin, einen Ort der Ruhe, des Verweilens, des Ausruhens, des Gebetes, der Andacht und der Kontemplation zu schaffen - ein Andachtsort. Es sollte ein Zeichen gefun­den werden, das diesen Ort als christlichen auszeichnet.

Das Kreuz:

Kirchen sahen aus wie Mehrzweckhallen. Sie wurden Alltagstauglich und zum Schluss wusste man nicht mehr wo man eigentlich war. Daher war es das Ziel, das christliche Symbol des Kreuzes nicht als Accessoire oder additives Element aufzufassen, was bei vielen Kapellen und Kirchen der Fall ist, sondern es als integralen und unveräußerlichen Bestandteil der Baufigur zu entwickeln, der Teil der Gesamtkonzeption ist. Das Kreuz unserer Zeit ist meiner Auffassung nach zur Folge nicht mehr das vorangetragene, senkrechte Kreuz der Kreuzzüge und des Triumphes - es ist das Passionskreuz, das Kreuz, das wir auf dem Rücken tragen, das Kreuz unseres alltäglichen Lebens, unter dem wir leiden - das Kreuz der Krankheiten, der Arbeitslosigkeit, das Kreuz der Einsamkeit, das Kreuz, das wir auf uns nehmen, jeden Tag.

Die Anlage ist aufgebaut wie ein hortus conclusus, der durch eine Trockenmauer aus heimischem Schiefer umschlossen wird und eine Binnenwelt schafft. Ein kleiner Platz lädt mit Sitzgelegenheiten ein zum ausruhen und sich sammeln. Von dort schreitet man unter dem Kreuz hin­durch einen ansteigenden, grob und holprig gepflasterten Weg entlang, der die volle Aufmerksamkeit und ein bewusstes, konzentriertes Gehen abverlangt. Am Ende des Weges, gleich der "Via dolorosa" oder eines Pilgerweges gelangt man mit einer 90° Drehung in den Andachtsraum, der nach Osten ausgerichtet ist.

Als in ein weißgraues Kiesbecken gestellter Glaskubus - eine Kaba - ist er der dritte Teil der Gesamtkomposition aus Weg, Kreuz und Andachtsraum als Ziel.

Die verschränkten Figuren, die das Diagonalkreuz gerieren, sind aus Cor-tenstahl erstellt, der seinen nachhaltigen Schutz aus seiner Rostschicht bezieht. Das scheinbar Vergängliche bewirkt seine Unversehrtheit und Dauerhaftigkeit. Seine Farbwirkung ist in einer braunrötlichen Tonalität begründet, die mit dem umgebenden Herbstlaub der Obstbäume eine harmonische Bindung eingeht.

Die Kapelle ist täglich geöffnet und jedermann zugänglich.

Der geteerte Talweg, an dem die Anlage liegt, wird von vielen Spaziergängern genutzt, so daß zahlreiche Besucher zu erwarten sind. Als Dreh- und Angelpunkt an einem ausgezeichneten Ort - an der Nahtstelle zwischen den Taunuswäldern und den Streuobstwiesen, definiert sie an diesem Wegekreuz als Zeichen einen Platz der Ruhe, der Kontemplation und der Stille zwischen Obstbäumen, Feldhecken und der Waldkante.

Somit dient sie dem Gemeinwohl und steht in der jahrhundertealten Tradition christlicher, europäischer Baukultur. Als spirituelles Bauwerk setzt sie an der entscheidenden topographischen Stelle dieses Tales am Übergang von einer Feld - zu einer Waldlandschaft ein christliches Zeichen.

Als ein Bauwerk in der Natur gibt sie diesem Ort erst einmal Halt und Kontur und macht ihn für die Menschen zu einem ausgezeichneten Ort und befreit ihn aus der Beliebigkeit.

Der Bauherr hat hierfür eine Stiftung gegründet "Matthäus 7.12." Der Text dieser Bibelstelle lautet:
"Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten" (Lutherbibel). Es handelt sich hier um den letzten Teil der Bergpredigt und wird auch die berühmte "goldene Regel" genannt, die von allen drei Buchreligionen so gesehen wird.

Die farbige Glasnische

Außerhalb des Kapellenraums in Richtung Osten, ist in die Umfassungswand eine Nische eingelassen. Diese ist in der Vorderseite der Mauer plan eben vollkommen verglast.

Es handelt sich dabei um eine gegenstandslose Farbkomposition aus echtantik Überfangglas der Glashütte Lambert und verarbeitet von dem Glasstudio Derrix.

Das Glaspanel ist hinterleuchtet, so dass seine Farbkraft voll zur Geltung kommt.

Es handelt sich um drei senkrecht stehende Farbstreifen, zwei breitere mit einem Trennstreifen in der Mitte. Die Farben sind ein tiefes Blau mit unzähligen Punkten als Anmutung eines unendlich tiefen Nachthimmels. Ein Blick ins Universum. Die Komplementäre Scheibe ist das rotgelblich verlaufendes Band eines Sonnenaufgangs oder anders ausgedrückt handelt es sich hier um Tag und Nacht, Morgen und Abend, Alfa und Omega.

Die Materialwahl

Die Umfassungen sind aus Mauerwerk hergestellt welches als Trockenbruchsteinmauer ausgebildet ist, und mit exakten Betonabdeckungen gerahmt wird. Der Vorplatz der Kapelle, zum Sitzen und Ausruhen wird teilweise gepflastert, wobei das Pflaster auf Fuge gesetzt wird, und Anspielun­gen an den Katsura-Palast in Kyoto, Japan ausweist. Die Farben werden aus der Umgebung abgeleitet. Die Sitzbänke die in den Vorplatz integriert sind, werden aus Holz hergestellt. Der westliche Außenbereich ist mit Heckenrosen, Azaleen und Sanddorn bepflanzt.

Angelehnte Gedanken an das Buch "Weiss" von Kenya Hara

Leere ist nicht charakterisiert als Nichts, sondern vielmehr als Möglichkeit des noch nicht Seins, also als etwas was erst noch mit Inhalt gefüllt wird, eine leere Schale.

In der jap. Tuschmalerei wird der leere unbemalte Raum in der Sesshū Tōyō Zeit unverkennbar als das Hauptthema des Bildes heraus kristallisiert.
Der Betrachter vervollständigt die nun sichtbaren leeren Szenen des Bildes und seine Vorstellungskraft wird angeregt.
Man könnte auch sagen, der Leerraum macht die Seele des Bildes aus.
Ein unbemalter weißer Leerraum in einem Bild, sollte also nicht als ein Raum betrachtet werden, der keine Informationen enthält. Im Gegenteil, diesem Raum wird ein Bedeutungsgehalt beigemessen.

Ein Zustand in dem nichts ist, stellt die Möglichkeit dar ihn mit irgendetwas zu füllen. So wenn man ein hohles Gefäß betrachtet im Hinblick auf sein latentes Potential gefüllt werden zu müssen.
Die Glaskaba der Kapelle im Zentrum der Anlage ist ein Raum, der nichts enthält und es entsteht daraus die Möglichkeit, dass vielleicht etwas hineinkommt. Gott der Geist ist allgegenwärtig, würde man allerdings einen leeren Raum errichten, so könnte er sich angezogen fühlen dort sich niederzulassen und Einkehr halten.

Es handelt sich also um eine definierte Beziehung, die in seinem innersten die Leere beherbergt und membranartig von Glas umgeben ist, um einen Übergang zwischen dem inneren und dem äußeren Bereich herzustellen.
Um zu dem Raum der Kapelle zu gelangen muß man unter der Skulptur des Kreuzes hindurchge­hen.

Ein kurzer Pilgerweg bereitet den Suchenden auf den Kapellenraum vor. Annäherung - Schwelle - Übertritt Artikulation von Bewegung.
Der eigentliche Raum der leere Raum fungiert als ein Gefäß, das die Gedanken der Menschen aufnimmt. Glaube ist ein Zwiegespräch zwischen dem unbegreiflichen, mystischen nicht dar­stellbaren mit dem Menschen. Dieses Zwiegespräch wird durch die Leere des Raums verwurzelt. Die Gestaltung der Anlage und ihre Ästhetik orientieren sich an der Einfachheit der Leere. Die schlichte Gestaltung macht ihre Schönheit im Herben und Kargen aus, was im japanischen mit wabi ausgedrückt wird. Schlichtheit und Stille bestimmen das Konzept und die Idee.
Die Kapelle besteht aus einem kargen, uninszenierten Raum, gerade deshalb können sich darin alle möglichen Vorstellungen uneingeschränkt entfalten.
Die leere Schale ist ein Vermittler für Gedanken, Gebete und Ideen aller Menschen und kann zu gemeinsamen Erkenntnissen und gegenseitiger Verständigung führen.

 

Wiesbaden, 06. September 2011

Hans-Peter Gresser

(Architekturbüro Gresser - Nerobergstraße 15 - 65193 Wiesbaden - Tel. 0611-520005 - Fax 0611-529138)